Die Jugendjahre
Bevor Simon zu den Veytalern stieß, war sein Leben eine traurige Geschichte voll des Grauens. Dabei standen die Sterne zunächst verheißungsvoll für den neugeborenen Knaben, als er am 18. Tag des Ostermondes MCMXCII AD in der Kaiserstadt Aquisgranum geboren wurde.Seine Eltern waren freie Bürger der Stadt, was das fehlende „von“ erklärt. Sein Vater verdingte als Mathemathikus und seine Mutter als Gehilfin bei den Alchemisten, so dass die Familie in bescheidenem Wohlstand lebte. Doch dann zogen sie ins benachbarte Königreich der Oranier. Fortan wurde Simon ob dieses Faktums von seinen Mitschülern gehänselt, wann immer er die Schule des hl. Leonhard besucht. Auch gelangte er in dieser Zeit kurzfristig in die Fänge von Händlern aus dem Orient, die ihn beschnitten, noch bevor er befreit und seinen Eltern zurück gegeben werden konnte.
Aber der wohl schlimmste Fakt für einen Jüngling ist allein gleich mit zwei Schwester aufwachsen zu müssen.
Die Ritterschaft
Bereits in jungen Jahren trafen sich die Lebenswege von Simon und Dorian von Thule. Gemeinsam erlernten sie die Kunst der Kriegsführung, indem sie sich selbst Heere bastelten und bemalten, um dann damit am Brett taktische Aufstellungen zu erproben, indem sie ihre Spielzeugheere aufeinanderprallen ließen.
So ist es nicht verwunderlich, dass Dorian von Thule seinen guten Freund und Weggefährten im Jahre MMVI bei den Veytalern einführte. Simon wiederum war durch seine Zeit bei den Wegfindern der Fieselschweifs bereits bestens an das raue Lagerleben gewöhnt, so dass er sich schnell in der Ritterschaft einfand, ohne seine Wurzeln bei den Fieselschweifs aufzugeben.
Seit er den Veytaler beigetreten ist, ist ihm schon so mancher wichtiger Schritt hin zum Manne gelungen: so befreite er sich von Pickeln, überwand die Pubertät, durchlebte den Stimmbruch und wurde in der Nacht des 9. Tages des Herbstings MMIX AD Knappe des Ritters ohne Gleichen, Lucas vom Buchenwalde. Seine bislang schwerste Prüfung aber durchlitt er wohl, als er sich an den Bänkeltagen zu Burtscheid freiwillig, in jugendlicher Selbstüberschätzung, den Damen Christiane von Thule und Marietta von Oseburg anbiederte, um mit ihnen das gefürchtete Todesdreieck zu bilden. Hierbei handelt es sich um ein methaphorisches Dreieck bestehend aus den beiden Damen und einem Wahnsinnigen, der bereit ist mit ihnen zusammen fernwestliche, vergorene und destillierte Getränke zu sich zu nehmen. Überlebt hat er diese tödliche Konstellation nur dadurch, dass er sich nach einer halben Stunde bereits hat alles wieder durch den Kopf gehen lassen. Die beiden Weibsbilder haben, davon unberührt, dem Gebräu weiter ungebremst zugesprochen.
Er rühmt sich, mehr Schläge ertragen zu können, als jeder andere. Was man zunächst für die übliche, übertriebene Prahlerei eines Halbwüchsigen abtuen möchte, entpuppt sich nach kurzer Beobachtung der oft ruppigen Knappenspiele als die reine Wahrheit. Man hat sogar das Gefühl, er würde den Schmerz nicht nur besser und öfter ertragen als andere Knappen, sondern ihn regelrecht suchen.
Merkwürdig an ihm ist auch, dass er neben dem Training zum Ritter und den Aufgaben eines Knappen auch die Stopfzofe der Frau von Thule ist, jener Königin der Herzen des Eynevolkes. Ob dies die Ursache dafür ist, dass die edle Dame von Hochstaden ihm in geselliger Runde in feuchtfröhlichem Zustande den Beinamen „Shemoune“ verlieh, mit dem er seitdem auf eigenen Wunsch gerufen wird, liegt im Dunklen.
Sein Beichtvater machte sich ob dieser Absonderlichkeiten schon arge Sorgen, dass Simon perverse Lust am Schmerze habe, innerlich frohlocke, wenn er malträtiert wird und womöglich heimlich Dienstmagdkleidung und Stumpfbänder unter seinem Wams trage. Doch zur Erleichterung des frommen Mannes trug es sich unlängst in Birkenfeld zu, dass Simon die holde Maid Bibbi heldenhaft einer Hexe entriss und mit in sein Zelt nahm. Zwar sieht der heilige Mann auch das mit Argwohn, solange die beiden noch nicht vor ihm und der versammelten Ritterschaft erschienen sind, um in den heiligen Stand der Ehe zu treten, doch wird sich in dem Zelt wohl nichts zutragen, was sich durch einen Ablass nicht regeln ließe.
Auf eigenen Wunsch – als ob das jemanden interessiert, schließlich behauptet das jeder Knappe von sich – sei noch erwähnt, dass er fleißig den Schwertkampf trainiert. (Anmerkung des Chronisten: als ob er neben den Fieselschweifs, dem Saufen, dem Glücksspiel, dem sich Foltern lassen, dem Dasein als Stopfzofe, dem höfischen Tanze mit Fee von Thule und dem Zelten mit der Maid Bibbi dazu noch Zeit hätte.)
